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Vororte und Ghettos: Europäisches
Multikulti oder sozialer Sprengstoff Erfahrungen aus Frankreich und Berlin Hanns-Uve Schwedler Fast 170 Mio. Menschen leben in Europa in Großsiedlungen, der weitaus größte Teil davon in Mittel- und Osteuropa. Viele dieser Siedlungen, oft in Stadtrandlage gelegen, haben sich in den EU-Staaten zu Quartieren mit erheblichem sozialen Sprengstoff entwickelt. Die Segregation nimmt zu. Der stadträumliche Verfall ist, wenn nicht schon eingetreten, vorprogrammiert. Auch in den Beitrittsstaaten zur EU lassen sich verstärkt Tendenzen zur räumlichen Segregation beobachten. Die Gefahr ist groß, daß sich dort ähnliche ‚Problemquartiere' wie in Westeuropa entwickeln - bei einem wesentlich größeren Anteil der betroffenen Bevölkerung. Hier tickt eine Zeitbombe für die sozialräumliche Entwicklung einer erweiterten EU. Über die Erfahrungen und den Umgang Frankreichs und Berlins mit sozialräumlich problematischen Stadtvierteln diskutierten in der Europäischen Akademie Berlin am 19. Juni 2000 Dr. Henry Rey, Forschungsdirektor am Zentrum für Studien des politischen Lebens in Frankreich (CEVIPOF), und Dietrich Flicke, Referatsleiter der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. "Die deutsche Übersetzung von Banlieu als Vororte erweckt falsche Assoziationen. Sie sind keine Vororte mehr, keine in Stadtrandlage liegenden Siedlungsfiguren. Heute sind Banlieu sozial und wirtschaftlich peripherisierte Quartiere, liegen aber nicht unbedingt am Rande der französischen Städte." Mit diesen Sätzen rückte Henri Rey das Bild seiner deutschen Zuhörer über diese Problemquartiere erst einmal zurecht. Seit den 80er Jahren sind es zunehmend auch Altbauquartiere, die als ‚Zonen der Unsicherheit" gelten und in die Spirale des sozialräumlichen Niedergangs geraten sind. Für diese Entwicklung macht Rey drei Gründe aus: · den Niedergang der Sozialwohnungen durch baulichen Verfall, den Zuzug aus dem Ausland und aus der Provinz und die Abwanderung all jener, die es sich leisten können, ins Umland der Städte, · die strukturelle Arbeitslosigkeit, die zu einer Konzentration von Langzeitarbeitslosen und von arbeitslosen Jugendlichen in den Banlieu geführt hat. Gerade die Vororte, als monofunktionale Schlafsiedlungen angelegt, verkraften mit ihrem schlechten Wohnumfeld, ihrer fehlenden Infrastruktur und dem mangelnden kulturellen Angeboten diese Funktion als ‚dauerhafter Aufenthaltsraum' nicht. · die Konzentration ethnischer Gruppen, die in anderen Quartieren kaum eine Ansiedlungschance haben, führt auch bei dort lebenden Franzosen zu einem Gefühl der Diskriminierung und der Chancenlosigkeit. Überlagert werden die daraus resultierenden Konflikte durch ‚religiöse Problemkonstellationen' und die Angst vor Page einem islamischen Fundamentalismus der meist aus Nordafrika stammenden Migranten. Der zweite Referent des Abends, Dietrich Flicke von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, legte den Schwerpunkt seine Darstellung der Berliner Situation weniger auf die Analyse als auf die konkreten Schritte in der Stadt, den auch hier zu beobachtenden sozialräumlichen Niedergang einiger Quartiere aufzuhalten. Die Gründe für diesen Niedergang sind - wenn auch mit anderen Nuancen - durchaus mit Frankreich vergleichbar. Insbesondere Arbeitslosigkeit und Stadtumlandwanderung - z.T. aber auch Binnenwanderung von einem Viertel ins nächste - nannte Flicke. Seit knapp zwei Jahren wird in fünfzehn Gebieten ‚mit besonderem Entwicklungsbedarf' Quartiersmanagement durchgeführt, bei dem Bürgerbeteiligung und die Verantwortung der Bewohner für ihr Quartier einen hohen Stellenwert haben. All jenen, die jetzt schon fluchs mit Kritik bei der Hand seien, empfahl Flicke einen langen Atem: "Entwicklungen von Jahrzehnten können sie nicht in wenigen Monaten umkehren. Immerhin haben wir schon ein paar schöne Erfolge vorzuweisen." |