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Nachhaltige Entwicklung - Die
Europäische Akademie für städtische Umwelt 2007
Herausforderung für die Städte Längst ist Europa über eine bloße Wirtschaftsgemeinschaft und den Binnenmarkt hinaus-gewachsen. Die politische Integration schreitet - mal schneller, mal langsamer - voran. Für die Bürger wird dies besonders in den Städten erfahrbar. Städte bilden die Grundlage der europäischen Gesellschaft, sie sind wichtige Zentren von Wissenschaft und Kultur und verfügen über ein gewaltiges wirtschaftliches und soziales Potenzial. Die weitere Integration Europas wird sich in Städten konkretisieren, hier wird sich ihre Dynamik und Geschwindigkeit erweisen, hier werden aber auch ihre Schwierigkeiten erfahrbar. Europäische Kommunen stehen dabei vor großen Herausforderungen, die nur im europäischen Kontext gelöst werden können: Die Lebensbedingungen der Bürger müssen weiter verbessert und gesünder gestaltet werden. Das schließt zwar technische Lösungen mit ein, im kommunalen Zusammenhang aber sind nachhaltigere, integrierte und partizipative Managementansätze und Entscheidungsprozesse ungleich wichtiger. Demographie und Bevölkerungszusammensetzung einer Reihe europäischer Staaten werden sich rasant verändern. Bevölkerungsabnahme in den Kernstädten durch die gesunkene Geburtenrate und durch Sub-Urbanisierung ist schon heute ein weitverbreitetes Phänomen und wird in den nächsten Jahren noch zunehmen. Gleichzeitig wächst der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund. Städte stehen hier vor großen Integrationsaufgaben. Auch diese Entwicklung wird sich in den nächsten Jahren verstärken. Die 2002 in Kraft getretene, und Ende 2005 in deutsches Recht umgesetzte Umgebungslärmrichtlinie fordert von Großstädten und Agglomerationen, 2008 die Aktionsplanung zur Lärmminderung unter einer intensiven Beteiligung der Öffentlichkeit zu beginnen. Damit aber haben die meisten Kommunen nur wenig Erfahrung. Diese drei, die Kommunen fordernden Entwicklungen und Aufgaben bildeten die programmatischen Schwerpunkte der Europäischen Akademie für städtische Umwelt im Jahr 2007. Nachhaltige Entwicklung als Querschnittsaufgabe europäischer Kommunen Nachhaltige Entwicklung ist eine Querschnittsaufgabe europäischer Kommunen, die nur in einem intensiven Dialog mit der Bevölkerung erbracht werden kann. Dafür ist die Kooperation, ja Integration verschiedenster kommunaler Handlungsfelder und Aufgaben notwendig. Die Forderung nach vertikaler und horizontaler Integration und nach mehr Bürgerbeteiligung zur Bewältigung von Zukunftsaufgaben wurde seit der Rio-Deklaration 1992 in verschiedenen politischen Verlautbarungen und Dokumenten formuliert und wird aktuell z.B. im Rahmen der "Thematischen Strategie zur städtischen Umwelt" der Europäischen Kommission, aber auch im 7. Forschungsrahmenprogramm aufgegriffen. Sie ist inzwischen politisches Allgemeingut, ohne die kaum eine Verlautbarung über nachhaltige Entwicklung auskommt. Die Realität aber sieht immer noch anders aus. Da klagen Gesundheitspolitiker über Lärm- und Luftbelastungen, Raumplaner über die Zersiedlung der Landschaft, Politiker über die Verödung von Innenstädten. Gleichzeitig werden Straßen gebaut und verbreitert, Neubausiedlungen vor den Toren unserer Städte errichtet und Gewerbeflächen auf der grünen Wiese ausgewiesen. Ziel des im Rahmen des UN ECE / WHO-Europe-Programmes THE PEP durchgeführten und vom Umweltbundesamt geförderten Projektes war es, institutionelle Schlüsselbedingungen zu identifizieren, durch die die horizontale und vertikale Integration der Bereiche Umwelt, Gesundheit und Verkehr in den Kommunen und den übergeordneten Gebietskörperschaften erreicht werden kann. Diesem Ziel liegt die Erkenntnis zugrunde, dass die (regional und zeitlich sehr unterschiedlich verlaufende) Veränderung der europäischen Siedlungsstrukturen durch Flächenwachstum der Städte und durch Zersiedlung einen Wandel der Verkehrssituation und zusätzliche Gesundheits- und Umweltbelastungen mit sich bringen. Diese negativen Folgen können, so zeigen verschiedenste Fallstudien, durch integrierte, partizipative Planungs- und Problemlösungsansätze zumindest gemildert werden. Die Ergebnisse einer Recherche und einer internationalen Konferenz wurden dem Umweltbundesamt als Kurzstudie vorgelegt und sind in das UN ECE / WHO-Programm eingeflossen; als Folgeprojekt soll bis Ende des Jahres eine Broschüre in englischer Sprache für kommunale Entscheidungsträger in ganz Europa erscheinen / gedruckt werden. Bürgerbeteiligung bei der kommunalen Lärmbekämpfung Der gesundheitliche und wirtschaftliche Schaden durch Lärm - wenn auch durch verschiedenste Studien unterschiedlich hoch bewertet - ist erheblich. Lärm wird von der Bevölkerung als eine der bedeutendsten Umweltbelastungen wahrgenommen und nimmt bei Befragungen zu alltäglichen Umweltproblemen meist den ersten Rang ein. Gleichzeitig verweisen diese Studien und Befragungen darauf, dass sich Bürger mit "ihren Lärmproblemen" oft allein gelassen fühlen. Wenngleich Belange des Lärmschutzes und der Lärmbekämpfung in den letzten Jahren deutlicher in das Bewusstsein (und Handeln) von Politik und Verwaltung getreten sind, bleibt die Lärmbekämpfung doch weitgehend noch eine "sektorale Aufgabe" auf der Grundlage von rechtlichen Regelungen, die gleichmäßig über die Gesetzes- und Verordnungslandschaft des Bundes und der Länder verteilt sind. Daran wird das auf der Grundlage der Umgebungslärmrichtlinie revidierte Bundesimmissionsschutzgesetz - u.a. aufgrund seiner Fristen und Abläufe - in absehbarer Zeit wenig ändern. Andererseits hat die Umgebungslärmrichtlinie dazu beigetragen, den Schutz vor Lärm stärker politisch zu verorten (auch und insbesondere in größeren Kommunen), wirksamer in die öffentliche Diskussion zu bringen, Bürgerbeteiligung und -information als Aufgabe öffentlicher und anderer Verwaltungen deutlich zu machen und Lärmschutz immer mehr auch als Querschnittsaufgabe zu begreifen. Insbesondere den Kommunen kommt hier eine entscheidende Aufgabe zu. Die Bekämpfung des Lärms bleibt daher eine vorrangige umweltpolitische aber auch gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Der von der Europäischen Kommission geforderten Bürgerbeteiligung und dem Austausch zwischen den Akteuren kommen dabei ein großer Stellenwert zur Herstellung eines lärmarmen, gesünderen Arbeits- und Wohnumfeldes und beim "Lobbying" für die Lärmbekämpfung zu. Mit dem Projekt "Silent City", das vom Umweltbundesamt finanziert wird und 2008 abgeschlossen sein soll, wurde Ende 2006 begonnen. Im Rahmen dieses Projektes wurde 2007 ein Workshop für kommunale Praktiker durchgeführt und über die Sommermonate eine Befragungsaktion begonnen, wovon erste Ergebnisse zur Zeit ausgewertet werden. Im November folgt dann der zweite Workshop, der in Kooperation mit dem Ministerium für Umwelt des Landes Nordrhein-Westfalen vorbereitet und durchgeführt wird. Ziel von "Silent City" ist es, kommunale Ansätze zur Lärmminderung und der Bürgerbeteiligung auszuwerten, eine Reihe von Methoden und Instrumenten in ausgewählten Städten zu erproben und Handreichungen und Empfehlungen für Politik und Verwaltung zu erarbeiten. Demographischer Wandel und Verkehr - Städte vor neuen Aufgaben In den nächsten Jahrzehnten wird die Bevölkerung Europas erheblich schrumpfen. Einige Staaten - allen voran Deutschland und Bulgarien - werden in den nächsten vier Dekaden bis zu 30 Prozent ihrer Einwohnerschaft verlieren, der Anteil der älteren Bevölkerung wird dann bis zu mehr als einem Drittel der Gesamtbevölkerung betragen, Kinder und Jugendliche in einigen Ländern nur noch eine kleine Minderheit von nicht einmal 15 Prozent darstellen. Der demographische Wandel wird sich aber nicht gleichmäßig vollziehen. West- und Nordeuropa wird davon kaum oder nur vergleichsweise wenig betroffen sein, Mittel- und Südeuropa aber um so mehr. Neben den wirtschaftlichen Disparitäten, die sich nach Einschätzung einiger Wirtschaftswissenschaftler vergrößern werden, werden auch die demographischen Unterschiede zunehmen. Ohne Gegensteuern sind das sich gegenseitig verstärkende Entwicklungen. Wie will Europa dann wirtschaftlich mit den USA konkurrieren, deren Bevölkerung in einigen Jahrzehnten um 10 Jahre jünger sein wird und obendrein den "alten Kontinent" zahlenmäßig überrunden wird? Diese Entwicklungen können in einigen Ländern die Kluft zwischen Arm und Reich und die Armutsgefährdung breiterer Bevölkerungsschichten vergrößern, und damit letztendlich die Legitimität Europas und seiner Institutionen gefährden. Schon heute liegt der Anteil armutsgefährdeter Bevölkerungsschichten in einigen Ländern bei einem Drittel der Einwohnerschaft und kann auch durch Sozialtransfers nur auf ein Viertel verringert werden. In anderen Staaten - wie Deutschland - hat sich die Schere zwischen unteren und oberen Einkommensgruppen in den letzten Jahren erheblich geöffnet. Der demographische Wandel hat aber nicht nur Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung - und im übrigen auch auf die Staatshaushalte: er wird die Daseinvorsorge insbesondere in den Kommunen auch erheblich verteuern - oder verschlechtern. Die Schließung vieler Schulen in Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern aufgrund der Abwanderung der Bewohnerschaft beispielsweise, oder auch nur die Verteuerung der Wasser- und Abwassergebühren durch den erheblich gestiegenen Bedarf an Spülwasser werfen ein Schlaglicht darauf, was auf einige Städte und Kommunen zukommt. Werden die Bürger da mitspielen? Ein Instrument, der Abnahme und Überalterung der Bevölkerung entgegenzuwirken, ist die Arbeitsmigration. Darauf verweist nicht nur das Grünbuch "Confronting demographic change: a new solidarity between the generations" der Europäischen Kommission von 2005, darauf haben auch die Innenminister einiger größerer EU-Mitgliedsstaaten bei ihrem Treffen in Stratford-upon-Avon Ende Oktober 2006 hingewiesen. Ob einer "zirkulären Migration", also der auf einige Jahre befristete Zuwanderung, Erfolg beschieden sein kann, darf angesichts der Erfahrungen Deutschlands mit der "green card" allerdings bezweifelt werden. Immerhin, Migration ist kein politisches Unwort mehr. Und auch die jüngste Mitteilung (10/2006) der Europäischen Kommission zum demographischen Wandel fordert "die Chancen der Migration zu nutzen". Dem Bürger aber muss dies - wie Ereignisse vor allem in Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und Großbritannien zeigen - noch vermittelt werden. Damit kommen auf die Städte - dem "Zielgebiet" von Migration - erhebliche Integrationsaufgaben zu. Aufgrund anderer sozialer Wertvorstellungen und Beziehungen und anderer Familienstrukturen werden sich auch die Anforderungen an die kommunale Daseinsvorsorge verändern. Das wird Auswirkungen auf die soziale und physische Infrastruktur - wie Schulen, Kindergärten, Grünanlagen, Wohnungsmarkt oder die Verkehrssysteme u.a. - haben. Wohlstand, Mobilität und demographischer Wandel in europäischen Städten Die Auswirkungen von Rückgang und Alterung der Bevölkerung, die Effekte schrumpfender Städte lassen sich in einigen Bundesländern Ostdeutschlands erahnen. Schulen werden geschlossen, Bahnstrecken stillgelegt, Städte veröden... Die möglichen Folgen des demographischen Wandels werden in der räumlichen Planung längst thematisiert, in der Verkehrsplanung aber spielen sie bislang kaum eine Rolle. Demographen, Raum- und Verkehrsplaner und die Verkehrswirtschaft müssen mehr als bisher zusammenarbeiten, um mit entsprechenden Methoden ein räumlich und zeitlich differenziertes Bild der absehbaren Entwicklungen zu zeichnen und daraus konkrete Planung abzuleiten. Angesichts der langfristigen Wirkung physischer - eben auch verkehrlicher - Infrastrukturen tut deshalb ein "Paradigmenwechsel" Not. Mit der Frage, wie sich die kommunalen Haushalte, der Wohlstand der Bürger unter dem Einfluss des demographischen Wandels verändern werden, und welchen Einfluss das auf die städtische Mobilität und die Verkehrsplanung haben wird, befasst sich ein in Kooperation mit der TU Berlin durchgeführtes und von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung im Rahmen der Städtepartnerschaften gefördertes Projekt. Zwei internationale Konferenzen, die sich an Partnerkommunen Berlins und seiner Bezirke richten, eine Befragungsaktion, deren Auswertung und eine abschließende Buchveröffentlichung haben dazu beitragen, erste Antworten auf diese Fragen zu finden und das Problem kommunalen Entscheidungsträgern bewusst zu machen. Mit dem Projekt, das im letzten Jahr begonnen und 2007 abgeschlossen wurde, werden die Aktivitäten der vergangenen Jahre fortgesetzt, den Einfluss des demographischen Wandels auf europäische Kommunen, insbesondere mit Hinblick auf städtische Mobilität - gerade im Hinblick auf die Veröffentlichung (Grünbuch) der Europäischen Kommission zu diesem Thema - zu untersuchen und bewusst zu machen. |