Umwelt und städtische Nachhaltigkeit:
Die Europäische Akademie für städtische Umwelt im Jahr 2006
Längst ist Europa über eine bloße Wirtschaftsgemeinschaft und
den Binnenmarkt hinaus-gewachsen. Die politische Integration schreitet
- mal schneller, mal langsamer - voran. Für die Bürger wird dies
besonders in den Städten erfahrbar. Städte bilden die Grundlage der
europäischen Gesellschaft, sie sind wichtige Zentren von Wissenschaft
und Kultur und verfügen über ein gewaltiges wirtschaftliches und
soziales Potenzial. Die weitere Integration Europas wird sich in
Städten konkretisieren, hier wird sich ihre Dynamik und
Geschwindigkeit erweisen, hier werden aber auch ihre Schwierigkeiten
erfahrbar.
Europäische Kommunen stehen dabei vor großen Herausforderungen,
die nur im europäischen Kontext gelöst werden können:
Die Lebensbedingungen der Bürger müssen weiter verbessert und
gesünder gestaltet werden. Das schließt zwar technische Lösungen
mit ein, im kommunalen Zusammenhang aber sind nachhaltigere,
integrierte und partizipative Managementansätze und
Entscheidungsprozesse ungleich wichtiger.
Demographie und Bevölkerungszusammensetzung einer Reihe
europäischer Staaten werden sich rasant verändern.
Bevölkerungsabnahme in den Kernstädten durch die gesunkene
Geburtenrate und durch Sub-Urbanisierung ist schon heute ein
weitverbreitetes Phänomen und wird in den nächsten Jahren noch
zunehmen. Gleichzeitig wächst der Anteil von Menschen mit
Migrationshintergrund. Städte stehen hier vor großen
Integrationsaufgaben. Auch diese Entwicklung wird sich in den
nächsten Jahren verstärken.
Die 2002 in Kraft getretene, und Ende 2005 in deutsches Recht
umgesetzte Umgebungslärmrichtlinie fordert von Großstädten und
Agglomerationen, 2008 die Aktionsplanung zur Lärmminderung unter
einer intensiven Beteiligung der Öffentlichkeit zu beginnen. Damit
aber haben die meisten Kommunen nur wenig Erfahrung.
Diese drei, die Kommunen fordernden Entwicklungen und Aufgaben
bildeten die programmatischen Schwerpunkte der Europäischen Akademie
für städtische Umwelt im Jahr 2006.
Demographischer Wandel und Migration - Städte vor neuen
Aufgaben
In den nächsten Jahrzehnten wird die Bevölkerung Europas
erheblich schrumpfen. Einige Staaten - allen voran Deutschland und
Bulgarien - werden in den nächsten vier Dekaden bis zu 30 Prozent
ihrer Einwohnerschaft verlieren, der Anteil der älteren Bevölkerung
wird dann bis zu mehr als einem Drittel der Gesamtbevölkerung
betragen, Kinder und Jugendliche in einigen Ländern nur noch eine
kleine Minderheit von nicht einmal 15 Prozent darstellen.
Der demographische Wandel wird sich aber nicht gleichmäßig
vollziehen. West- und Nordeuropa wird davon kaum oder nur
vergleichsweise wenig betroffen sein, Mittel- und Südeuropa aber um
so mehr. Neben den wirtschaftlichen Disparitäten, die sich nach
Einschätzung einiger Wirtschaftswissenschaftler vergrößern werden,
werden auch die demographischen Unterschiede zunehmen. Ohne
Gegensteuern sind das sich gegenseitig verstärkende Entwicklungen.
Wie will Europa dann wirtschaftlich mit den USA konkurrieren, deren
Bevölkerung in einigen Jahrzehnten um 10 Jahre jünger sein wird und
obendrein den "alten Kontinent" zahlenmäßig überrunden
wird?
Diese Entwicklungen können in einigen Ländern die Kluft zwischen
Arm und Reich und die Armuts-Gefährdung breiterer
Bevölkerungsschichten vergrößern, und damit letztendlich die
Legitimität Europas und seiner Institutionen gefährden. Schon heute
liegt der Anteil armutsgefährdeter Bevölkerungsschichten in einigen
Ländern bei einem Drittel der Einwohnerschaft und kann auch durch
Sozialtransfers nur auf ein Viertel verringert werden. In anderen
Staaten - wie Deutschland - hat sich die Schere zwischen unteren und
oberen Einkommensgruppen in den letzten Jahren erheblich geöffnet.
Der demographische Wandel hat aber nicht nur Auswirkungen auf die
wirtschaftliche Entwicklung - und im Übrigen auch auf die
Staatshaushalte: er wird die Daseinvorsorge insbesondere in den
Kommunen auch erheblich verteuern - oder verschlechtern. Die
Schließung vieler Schulen in Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern
aufgrund der Abwanderung der Bewohnerschaft beispielsweise, oder auch
nur die Verteuerung der Wasser- und Abwassergebühren durch den
erheblich gestiegenen Bedarf an Spülwasser werfen ein Schlaglicht
darauf, was auf einige Städte und Kommunen zukommt. Werden die
Bürger da mitspielen?
Ein Instrument, um der Abnahme und Überalterung der Bevölkerung
entgegenzuwirken, ist die Arbeitsmigration. Darauf verweist nicht nur
das Grünbuch "Confronting demographic change: a new solidarity
between the generations" der Europäischen Kommission von 2005,
darauf haben auch die Innenminister einiger größerer
EU-Mitgliedsstaaten bei ihrem Treffen in Stratford-upon-Avon Ende
Oktober 2006 hingewiesen. Ob einer "zirkulären Migration",
also der auf einige Jahre befristete Zuwanderung, Erfolg beschieden
sein kann, darf angesichts der Erfahrungen Deutschlands mit der
"green card" allerdings bezweifelt werden. Immerhin,
Migration ist kein politisches Unwort mehr. Und auch die jüngste
Mitteilung (10/2006) der Europäischen Kommission zum demographischen
Wandel fordert "die Chancen der Migration zu nutzen". Dem
Bürger aber muss dies - wie Ereignisse vor allem in Deutschland,
Frankreich, den Niederlanden und Großbritannien zeigen - noch
vermittelt werden.
Damit kommen auf die Städte - dem "Zielgebiet" von
Migration - erhebliche Integrationsaufgaben zu. Aufgrund anderer
sozialer Wertvorstellungen und Beziehungen und anderer
Familienstrukturen werden sich auch die Anforderungen an die kommunale
Daseinsvorsorge verändern. Das wird Auswirkungen auf die soziale und
physische Infrastruktur - wie Schulen, Kindergärten, Grünanlagen,
Wohnungsmarkt oder die Verkehrssysteme u.a. - haben.
Migration und kulturelle Integration in der europäischen Stadt
Mit dem Band "Migration and Cultural Inclusion in the European
City" (Palgrave, 2006) wurde ein Projekt zur Integration
kultureller und ethnischer Gruppen in europäischen Städten
abgeschlossen, das die EA.UE in den vergangenen Jahren zusammen mit
den Universitäten Belfast und Dublin durchgeführt hat.
Wissenschaftler und Praktiker analysieren die Integrationspolitik von
acht EU-Mitgliedsstaaten und konkretisieren die verschiedenen Ansätze
am Beispiel ausgewählter Städte. Europa ist weit entfernt von einer
einheitlichen Migrations- und Integrationspolitik. Das Spektrum reicht
vom Negieren und Verdrängen der Migration - und damit einer
notwendigen Integrationspolitik - über von Euphemismen geprägte
politische Verlautbarungen bis hin zum staatlichen Laissez-faire und
der Hoffnung, in einer multikulturellen Gesellschaft regelten sich
Miteinander und Integration von allein.
Politische Entscheidungen der letzten Jahre wurden mehr von "nationalen
Schocks" geprägt - Pisa-Studie in Deutschland, Unruhen in
Frankreich, Morde an Politikern und Filmregisseuren in den
Niederlanden, Anschläge auf Busse und U-Bahnen in Großbritannien -
geprägt, denn von konkretem Wissen um Zahl und Situation von
Migranten. Das Problem beginnt schon damit, dass wir über Hühner und
Kühe in europäischen Ställen mehr wissen als über Zuwanderer.
Über sie liegen keine verlässlichen Zahlen vor. Mit der
Veröffentlichung des Mikro-Zensus im Sommer dieses Jahres verdoppelte
sich plötzlich die Zahl von Menschen mit Migrationshintergrund in
Deutschland; die offiziellen Statistiken großer Städte in den
Niederlanden sprechen von zehn bis fünfzehn Prozent Migrantenanteil,
wissenschaftliche Studien aber gehen von gut vierzig Prozent aus;
Frankreich veröffentlicht Zahlen nur unregelmäßig und zögerlich
... Eine fundierte und abgestimmte Migrationspolitik in Europa ist so
nur schwer zu erreichen - angesichts der Bestrebungen der
Europäischen Kommission und einiger Mitgliedsstaaten, die
Arbeitsmigration in den nächsten Jahren aus wirtschaftlichen Gründen
zu fördern, aber dringend erforderlich.
Dabei liegen in einigen europäischen Kommunen erfolgreiche und
Erfolg versprechende Ansätze vor. Sie verbinden soziale, ethnische
und räumliche Programme und Instrumente und zeichnen sich meist durch
erhebliche Anstrengungen zur Information und Partizipation der
Bevölkerung aus. Eines ist klar (und darin sind sich fast alle
Autoren des Bandes einig): Europa, seine Mitgliedsstaaten, seine
Kommunen brauchen den öffentlichen Diskurs über die Ziele der
Integration, über gemeinsame Normen und Werte, über die
Zukunftsgestaltung. Das Problem, das wir "eingeborenen Europäer"
dabei haben, ist, dass wir nicht mehr die einzigen Europäer sind, die
diesen Diskurs führen und gestalten.
Wohlstand, Mobilität und demographischer Wandel in
europäischen Städten
Die Auswirkungen von Rückgang und Alterung der Bevölkerung, die
Effekte schrumpfender Städte lassen sich in einigen Bundesländern
Ostdeutschlands erahnen. Schulen werden geschlossen, Bahnstrecken
stillgelegt, Städte veröden ... Die möglichen Folgen des
demographischen Wandels werden in der räumlichen Planung längst
thematisiert, in der Verkehrsplanung aber spielen sie bislang kaum
eine Rolle. Demographen, Raum- und Verkehrsplaner und die
Verkehrswirtschaft müssen mehr als bisher zusammenarbeiten, um mit
entsprechenden Methoden ein räumlich und zeitlich differenziertes
Bild der absehbaren Entwicklungen zu zeichnen und daraus konkrete
Planung abzuleiten. Angesichts der langfristigen Wirkung physischer -
eben auch verkehrlicher - Infrastrukturen tut deshalb ein "Paradigmenwechsel"
Not.
Mit der Frage, wie sich die kommunalen Haushalte, der Wohlstand der
Bürger unter dem Einfluss des demographischen Wandels verändern
werden, und welchen Einfluss das auf die städtische Mobilität und
die Verkehrsplanung haben wird, befasst sich ein in Kooperation mit
der TU Berlin durchgeführtes und von der Senatsverwaltung für
Stadtentwicklung im Rahmen der Städtepartnerschaften gefördertes
Projekt. Zwei internationale Konferenzen, die sich an Partnerkommunen
Berlins und seiner Bezirke richten, eine Befragungsaktion, deren
Auswertung und eine abschließende Buchveröffentlichung sollen dazu
beitragen, erste Antworten auf diese Fragen zu finden und das Problem
kommunalen Entscheidungsträgern bewusst zu machen.
Mit dem Projekt, das 2006 begonnen wurde und 2007 abgeschlossen
sein wird, werden die Aktivitäten der vergangenen Jahre fortgesetzt,
den Einfluss des demographischen Wandels auf europäische Kommunen zu
untersuchen und bewusst zu machen.
Vernetzt denken und handeln - Nachhaltige Entwicklung als
Querschnittsaufgabe europäischer Kommunen
Nachhaltige Entwicklung ist eine Querschnittsaufgabe europäischer
Kommunen, die nur in einem intensiven Dialog mit der Bevölkerung
erbracht werden kann. Dafür ist die Kooperation, ja Integration
verschiedenster kommunaler Handlungsfelder und Aufgaben notwendig.
Die Forderung nach vertikaler und horizontaler Integration und nach
mehr Bürgerbeteiligung zur Bewältigung von Zukunftsaufgaben wurde
seit der Rio-Deklaration 1992 in verschiedenen politischen
Verlautbarungen und Dokumenten formuliert und wird aktuell z.B. im
Rahmen der "Thematischen Strategie zur städtischen Umwelt"
der Europäischen Kommission, aber auch im 7. Forschungsrahmenprogramm
aufgegriffen. Sie ist inzwischen politisches Allgemeingut, ohne die
kaum eine Verlautbarung über nachhaltige Entwicklung auskommt.
Die Realität aber sieht immer noch anders aus. Da klagen
Gesundheitspolitiker über Lärm- und Luftbelastungen, Raumplaner
über die Zersiedlung der Landschaft, Politiker über die Verödung
von Innenstädten. Gleichzeitig werden Straßen gebaut und verbreitert,
Neubausiedlungen vor den Toren unserer Städte errichtet und
Gewerbeflächen auf der grünen Wiese ausgewiesen.
Ziel des im Rahmen des UN ECE / WHO-Europe-Programmes THE PEPP
durchgeführten und vom Umweltbundesamt geförderten Projektes war es,
institutionelle Schlüsselbedingungen zu identifizieren, durch die die
horizontale und vertikale Integration der Bereiche Umwelt, Gesundheit
und Verkehr in den Kommunen und den übergeordneten
Gebietskörperschaften erreicht werden kann. Diesem Ziel liegt die
Erkenntnis zugrunde, dass die (regional und zeitlich sehr
unterschiedlich verlaufende) Veränderungen der europäischen
Siedlungsstrukturen durch Flächenwachstum der Städte und durch
Zersiedlung einen Wandel der Verkehrssituation und zusätzliche
Gesundheits- und Umweltbelastungen mit sich bringen. Diese negativen
Folgen können, so zeigen verschiedenste Fallstudien, durch
integrierte, partizipative Planungs- und Problemlösungsansätze
zumindest gemildert werden.
Die Ergebnisse einer Recherche und einer internationalen Konferenz
wurden dem Umweltbundesamt als Kurzstudie vorgelegt und sind in das UN
ECE / WHO-Programm eingeflossen.
Wie sag ich's meinem Bürger? Bürgerbeteiligung bei der
kommunalen Lärmbekämpfung
Der gesundheitliche und wirtschaftliche Schaden durch Lärm - wenn
auch durch verschiedenste Studien unterschiedlich hoch bewertet - ist
erheblich. Lärm wird von der Bevölkerung als eine der bedeutendsten
Umweltbelastungen wahrgenommen und nimmt bei Befragungen zu
alltäglichen Umweltproblemen meist den ersten Rang ein. Gleichzeitig
verweisen diese Studien und Befragungen darauf, dass sich Bürger mit
"ihren Lärmproblemen" oft allein gelassen fühlen.
Wenngleich Belange des Lärmschutzes und der Lärmbekämpfung in
den letzten Jahren deutlicher in das Bewusstsein (und Handeln) von
Politik und Verwaltung getreten sind, bleibt die Lärmbekämpfung doch
weitgehend noch eine "sektorale Aufgabe" auf der Grundlage
von rechtlichen Regelungen, die gleichmäßig über die Gesetzes- und
Verordnungslandschaft des Bundes und der Länder verteilt sind. Daran
wird das auf der Grundlage der Umgebungslärmrichtlinie revidierte
Bundesimmissionsschutzgesetz - u.a. aufgrund seiner Fristen und
Abläufe - in absehbarer Zeit wenig ändern.
Andererseits hat die Umgebungslärmrichtlinie dazu beigetragen, den
Schutz vor Lärm stärker politisch zu verorten (auch und insbesondere
in größeren Kommunen), wirksamer in die öffentliche Diskussion zu
bringen, Bürgerbeteiligung und -information als Aufgabe öffentlicher
und anderer Verwaltungen deutlich zu machen und Lärmschutz immer mehr
auch als Querschnittsaufgabe zu begreifen. Insbesondere den Kommunen
kommt hier eine entscheidende Aufgabe zu.
Die Bekämpfung des Lärms bleibt daher eine vorrangige
umweltpolitische aber auch gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Der von
der Europäischen Kommission geforderten Bürgerbeteiligung und dem
Austausch zwischen den Akteuren kommen dabei ein großer Stellenwert
zur Herstellung eines lärmarmen, gesünderen Arbeits- und
Wohnumfeldes und beim "Lobbying" für die Lärmbekämpfung
zu.
In Kooperation mit dem Lärmkontor Hamburg hat die EA.UE eine
internationale Konferenz zur Frage nach der Umsetzung der
Umgebungslärmrichtlinie durchgeführt und Ende des Jahres mit dem
Projekt "Silent City", das vom Umweltbundesamt finanziert
wird und 2008 abgeschlossen sein soll, begonnen.
Ziel von "Silent City" ist es, kommunale Ansätze zur
Lärmminderung und der Bürgerbeteiligung auszuwerten, eine Reihe von
Methoden und Instrumenten in ausgewählten Städten zu erproben und
Handreichungen und Empfehlungen für Politik und Verwaltung zu
erarbeiten.
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